Bischof Stecher Gedächtnisverein

Gedenkgottesdienste für Reinhold Stecher

… Sich an Bischof Stecher erinnern heißt, Verantwortung in Kirche und Gesellschaft übernehmen, heißt „heute Menschen mit Zivilcourage zu sein, die entschieden jede Form des sozialen Todes, jede Form der Ungerechtigkeit ablehnen und sich unabhängig von menschlichen Unterschieden den Notleidenden zuwenden!“

In memoriam Bischof Reinhold Stecher. Predigten und Gedanken anlässlich der jährlichen Gedenkgottesdienste.

Gottesdienst zum 3. Jahrestag im Jänner 2016

Predigt von Mag. Jakob Bürgler, Generalvikar der Diözese Innsbruck

Vor wenigen Tagen hat mir jemand ein ganz besonderes Geschenk gemacht. Äußerlich gesehen etwas ganz kleines, in seiner Bedeutung aber sehr berührend. Ich habediesen unscheinbaren Stein geschenkt bekommen. Mitgebracht hat ihn jemand für mich vom Illmensee in Russland. Das Besondere daran: Der Illmensee liegt in jener Gegend, in die Bischof Reinhold Stecher während des zweiten Weltkrieges gekommen ist. Meine Gedanken an ihn haben sich natürlich sofort mit diesem Stein verbunden. Der Stein als Symbol. Ich möchte ihm drei Bedeutungen geben.

Der Stein als Bild für die Gewalt.
Willkür und Gewalt, Menschenverachtung und Schrecken: Die Jugendjahre von Reinhold Stecher waren davon geprägt. Die Verhaftung seines Bruders, der Reichsarbeitsdienst, die eigene Verhaftung wegen der Organisation einer Wallfahrt, Einzelhaft, die überraschende Bewahrung vor dem KZ, schließlich der Einsatz in der Wehrmacht mit den erschütternden Erfahrungen, besonders jenen in der Winterschlacht in Nordrussland. Willkür und Gewalt. Kein Recht, auf das man sich hätte berufen können. Ausgeliefert-Sein und Angst. Immer wieder hat Bischof Reinhold von diesen bitteren und zermürbenden Ereignissen erzählt. Er hat bewegend und erschütternd sichtbar gemacht, was Gewalt und Krieg aus Menschen machen. In den letzten Tagen bewegt mich die zunehmende Tendenz, das Thema „Flucht und Aysl“ vor allem auf Abgrenzung, Dichtmachen und Abschiebung zu reduzieren. Und das leider auch mit Zuhilfenahme von christlich geprägten Begriffen. Natürlich gilt es, Ängste und Verunsicherung ernst zu nehmen. Und es braucht die politische Vernunft und eine gemeinsame politische Strategie. Aber ein undifferenziertes Agieren auf Kosten von Menschen, die vor der Bitter-keit des Krieges und brutaler, menschenverachtender Gewalt fliehen, ist erschreckend. Ich danke jenen Menschen und Politikern in Tirol, die sich mit Bedacht diesem schwierigen Thema annehmen. Bischof Reinhold hat sich immer für Menschen eingesetzt, die vor Krieg und Elend geflüchtet sind.

Der Stein als Bild für das Fundament.
Das Evangelium überliefert uns eine Reihe von Bildern, mit denen Jesus Menschen vergleicht, die seinem Wort folgen. Eines dieser Bilder spricht mich besonders an: Das Bild vom Haus auf dem Felsen. Wer auf Jesus hört und nach seinem Wort lebt, ist wie jemand, der klug ist und sein Haus nicht auf Sand, sondern auf Fels baut. Wolkenbruch, Wassermassen, Stürme, die am Haus rütteln, können ihm nichts antun. Besonders schön formuliert der Evangelist Lukas dieses Bild: „Er ist wie ein Mann, der ein Haus baute und dabei die Erde tief aushob und das Fundament auf einen Felsen stellte. Als nun ein Hochwasser kam und die Flutwelle gegen das Haus prallte, konnte sie es nicht erschüttern, weil es gut gebaut war.“ (Lk 6,48) Die Erde tief ausheben, das Fundament gut und sicher legen – darum geht es. Das ist ein wichtiges Prinzip für ein gutes und gelingendes Leben. Es geschieht so schnell, dass seichte Erdschichten eines oberflächlichen Lebens das Fundament verdecken und unsichtbar machen. Dass die tiefen Fragen nach dem Woher, dem Wohin und dem Wozu des Lebens im Alltagstrott und im Stress der Notwendigkeiten untergehen. Und doch ist es wie bei einem Baum: Wer keine Wurzeln hat, wird umgeworfen. Bischof Reinhold hat immer neu versucht, das christliche Fundament freizulegen: In seinen bildhaften Vergleichen, in seinen Mahnungen, durch seine caritative Tätigkeit. Und es ist sein Vermächtnis, das er uns hinterlassen hat: Sorgen wir gemeinsam darum, dass unser Land seine christlichen Wurzeln pflegt und für die Zukunft erhält.

Der Stein als Bild für Wellen.
Dieser Vergleich mag auf den ersten Blick überraschen. Aber ich erinnere mich an schöne Stunden, in denen wir als Kinder und Jugendliche Steine in einen See geworfen haben. Teilweise im Wettkampf, um möglichst viele „Aufschläge“ zusammenzubringen. Teilweise nur um zu staunen, wie ein im See versinkender Stein Wellen schlägt. Wellen, die sich in immer neuen Ringen weit ins Wasser hinaus verbreiten. „Ins Wasser fällt ein Stein“, haben wir damals gerne gesungen, „und ist er noch so klein, er zieht doch weite Kreise.“ Bischof Reinhold Stecher möchte ich mit einem solchen Stein ver-gleichen. Er hat sich selber immer wieder als kleinen und nicht so wichtigen Menschen und Mann der Kirche beschrieben. Auch sein Talent zur Sprache und zum Malen hat er mit großer Bescheidenheit umschrieben. Aber er hat „Wellen geschlagen“. Wellen, die sich weit in die Welt und in die Herzen der Menschen hinein verbreitet haben. Durch sein soziales Engagement haben unzählige bitterarme Menschen Wasser zum Leben bekommen. Sein Wort hat viele Menschen tief berührt. Das führt mich zu einer Frage, die mir so sehr am Herzen liegt und bei der wir alle um eine Antwort ringen: Wie können wir heute, ein wenig nur, die Strahlkraft der Botschaft Jesu vermitteln? Wie heute positiv und ermutigend „Wellen schlagen“? Wie das Leben der Menschen durch unser Wort und Zeugnis berühren?
Der Stein aus dem Illmensee ist für mich ein Bild in dieser Stunde. Ein Bild für das Leben von Bischof Reinhold Stecher. Der Stein symbolisiert die Gewalt, die keine Lösung ist. Er symbolisiert das Fundament, das über das Gelingen eines Lebens entscheidet. Und er symbolisiert die Wellen, die das Leben von Reinhold Stecher hinterlassen hat. Wir danken Gott für sein Leben.